„Schön, dass Sie Klaus Mann Frischluft zufächeln!“

Ein Nachtrag in eigener Sache: Die KLAUS MANN INITIATIVE BERLIN e. V. wurde fast einstimmig zum Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e. V. (ALG) gewählt.

Die Location und der Zeitpunkt (und auch das Wetter) hätten besser nicht sein können. Die ALG führt ihre Jahrestagungen eigentlich in der Provinz durch. Zum 30. Geburtstag versammelten sich die Vertreter dann doch in der Hauptstadt. Weiterlesen

Nachlese: „Tristan“ als erotische Novelle

Literarisches Quartett v. l.: der Schriftsteller und Herausgeber Steffen Marciniak, der Gründer und Vorsitzende Frank Träger, die italienische Doktorandin Valentina Savietto und der Thomas Mann-Experte Dr. Tim Lörke (FU Berlin, Vorstandsmitglied der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft). Bild: Markus Reiniger

Nach der Einführung durch Valentina Savietto begründete Frank Träger seine Initiative zur Besprechung von Thomas Manns „Tristan“ mit der eigenen Biografie: Die Novelle habe unter seinen Kommilitonen während des Studiums in DDR-Zeiten eine bis heute geführte Debatte über das Selbstverständnis des „Intellektuellen“ in der ostdeutschen Gesellschaft, die eine zutiefst kleinbürgerliche gewesen sei, hervorgerufen. Die erneute Lektüre habe für ihn eine Überraschung gebracht: Seine Sicht auf Detlef Spinell und Anton Klöterjahn habe sich mittlerweile beinahe ins Gegenteil verkehrt. Im Übrigen sei er froh, ein Werk Thomas Manns zu besprechen, das ein Mal nicht vordergründig das Thema „Erotik“ bediene: „Wir haben hier vor zwei Jahren ‚Der Tod in Venedig‘ besprochen und auch in anderen Kontexten die Sexualität in Thomas Manns Leben und Werk thematisiert. Mir ist bei ‚Tristan‘ das Apollinische viel wichtiger als das Dionysische! Ich bin sehr leichtfertig davon ausgegangen, dass ‚Tristan‘ zur Abwechslung einmal dieses Thema nicht tangiert. Ich musste mich eines Besseren belehren lassen…“

Für den Literaturwissenschaftler Tim Lörke eine Steilvorlage: „Tristan“ sei eine „erotische Novelle“ ausgehend vom Eros der Handlungskonstellation in Wagners „Tristan und Isolde“.

Apropos Wagner: Die Veranstaltung wurde durch einen bemerkenswerten Beitrag bereichert. Der Klaus Mann Forscher Dr. Fredric Kroll, Gründungs- und Ehrenmitglied unserer Initiative, der es sehr bereute, nicht persönlich anwesend sein zu können, schickte einen musikalischen Gruß: Einen Mitschnitt der von ihm initiierten und mitgestalteten literarisch-musikalischen Collage an Klaus Manns Todestag 2014 in Freiburg im Breisgau. Fredric Kroll ist in Personalunion Komponist des Werkes: „Die Zuhörer in Freiburg waren zum Glück lauter Kenner, die meine Verschmelzung von Platen, Wagner und Tschaikowsky (und latent im Hintergrund Thomas Mann) in ihren Einzelheiten nachvollziehen konnten der Erfolg lässt sich buchstäblich hören! Allerdings konnte niemand wissen, dass die Musik der abschließenden Takte von mir selbst ist aus meiner noch unvollendeten zweiten Oper ‚Eine Nacht an der Newa‘ nach Dostojewskijs Novelle ‚Weiße Nächte‘.“ Der an dem Abend eingespielte Mitschnitt bot die Vertonung des Gedichtes „Tristan“ von August Graf von Platen. Es sang die Sopranistin Caroline Schori, begleitet vom Pianisten Neil Beardmore von der Musikhochschule Freiburg im Breisgau (Anmerkung: Der Titel ist im zweiten Teil des Mitschnitts aus urheberrechtlichen Gründen nicht enthalten).

August Graf von Platen: „Tristan“ (Aus „Tristan und Isolde“)

„Wer die Schönheit angeschaut mit Augen
Ist dem Tode schon anheimgegeben
Wird für keinen Dienst auf Erden taugen
Und doch wird er vor dem Tode beben
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen.

Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe
Denn ein Thor nur kann auf Erden hoffen
Zu genügen einem solchen Triebe.
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe.

[…]

Ach, er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen
Und den Tod aus jeder Blume riechen.
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen.“

Clou der Veranstaltung war die Übernahme von „Figurenpatenschaften“: Valentina Savietto war „Pate“ von Spinell, Frank Träger von Anton Klöterjahn und Steffen Marciniak von Gabriele Klöterjahn. Die wohl interessanteste „Patenschaft“ übernahm Tim Lörke die für den Erzähler, an dem sich alle anderen reiben konnten.

Natürlich war auch das Publikum gefordert: Inmitten der angeregten Diskussion des Quartetts warf Frank Träger den Ball in Gestalt einer Frage ins Publikum: „Wer sind denn nun wirklich ,die Guten‘?“ Einen unerwarteten Verlauf nahm der Abend, als Steffen Marciniak sich kurz vor dem geplanten Ende der Veranstaltung mit der Frage ans Publikum wandte: „Wer gewinnt? Was heißt hier ,gewinnen‘?“. Die etwas provokante Antwort eines Gastes in der „Nachspielzeit“ führte zu der drängenden Forderung einer anderen Teilnehmerin, den Abend nicht zu beenden, bevor man dies ausdiskutiert hätte. Aber hören Sie selbst:

Text: Frank Träger

Nachlese: Junge Poeten

Junge Poeten – Ich bin, also schreibe ich. Poesie als Nahrung

Eine Dichterlesung von Florian Wolf-Roskosch und Rico Kullik
am 17.02.2016 in der Lettrétage Kreuzberg:

 

Aus der Annotation: Wir leben in unsicheren Zeiten. Wer heutzutage Gedichte schreibt, gilt als Sonderling. Doch rufen nicht gerade die Krisen und Abgründe das Schreiben auf den Plan? Der Schriftsteller Klaus Mann verdichtete zeitlebens seine Hoffnungen und Träume in Romanen und Erzählungen. Breiten Raum nahmen dabei auch die Schattenseiten der Seele ein. Der Problematik von ,,Kunst und Leben“ wollen zwei junge Autoren, Florian Wolf-Roskosch und Rico Kullik, in ihren eigenen Dichtungen nachspüren.

„Ich bin, also schreibe ich. Poesie als Nahrung“ fragt nach der Notwendigkeit des Schreibens, nach dem nahezu körperlichen Bedürfnis nach Tagtraum, Flucht und Melancholie. Dabei könnte es sein, dass der Grundkonflikt zwischen Dionysos und Apollon in den Versen an die Oberfläche durchbricht…

Eine Veranstaltung der Klaus Mann Initiative Berlin e.V.
Wir sind Institutionelles Mitglied des Vereins Lettrétage e.V.

Nachlese: Im Strudel der Promiskuität II

Premiere: Zum ersten Mal führte die KMIB eine Veranstaltung in einer kirchlichen Einrichtung durch. Wir waren zu Gast beim „Gesprächskreis Homosexualität“ in der Evangelischen Advent-Zachäus-Kirchengemeinde (Danziger Straße 201/203, Prenzlauer Berg), und zwar mit dem fiktiven Gespräch „Im Strudel der Promiskuität“:
zu Gast beim Gesprächskreis
Bild: Peter Rausch

Nachlese: Im Strudel der Promiskuität

„Im Strudel der Promiskuität – ein fiktives Gespräch zwischen Thomas Mann und Klaus Mann in Sachen Homosexualität“ am 17.11.2015 in der Lettrétage Kreuzberg (die Location beherbergte übrigens bis 2013 das Schwule Museum Berlin).

Hier einige visuelle Eindrücke des Abends:



Der Nihilist und der Antifaschist

Ein Abend zum Verhältnis von Gottfried Benn und Klaus Mann vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus

Literaturhaus Berlin, 15.09.2015

Das Kaminzimmer des Literaturhauses Berlin platzte aus allen Nähten. Achtzig Gäste waren gekommen,um der Veranstaltung der Klaus Mann Initiative Berlin e.V. (KMI) beizuwohnen, die das spannungsreiche Verhältnis von Klaus Mann und Gottfried Benn vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus thematisierte. Im Publikum vertreten war auch die Gottfried Benn-Gesellschaft, deren Teilnahme der Klaus Mann Initiative Berlin ein großes Anliegen war.

Auf dem Podium vertreten waren Frank Träger, Lehrer für Politik und Ethik sowie Vorsitzender der KMI, Florian Wolf-Roskosch, Historiker und Vize der KMI, sowie Dr. Holger Hof, freier Autor und Verfasser der Biographie ,,Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis“ (2011). Während der folgenden zwei Stunden folgte eine tour d`horizon durch die Jahre 1930-50, welche die prägendsten für die gegenseitige Wahrnehmung der beiden Schriftsteller waren. Dabei lag ein Schwerpunkt auf ihren geschichts- und kunsttheoretischen Einstellungen, die stellvertretend für zwei unterschiedliche Wege von Intellektuellen stehen, ihre jeweilige Weltsicht im Angesicht von Faschismus und Krieg zu rechtfertigen. Dr. Hof wertete das Zerwürfnis als ,,Gesinnungsstreit“.

Die drei Diskutanten förderten Folgendes zutage: Gottfried Benn, Arzt und Dichter, und Klaus Mann, Schriftsteller und Exilant, bewahrten sich zeitlebens – trotz aller gegenseitigen Enttäuschungen und Anfeindungen – eine respektvolle Haltung füreinander. Ihre spürbare Sympathie konnte trotz ihrer weltanschaulichen Distanznahme während der NS-Diktatur nicht ausgelöscht werden. Während Klaus Mann im Ausland seine Positionen in Zeitschriften und Exil-Organen vertrat, zog sich Benn ab 1934 von öffentlichen Stellungnahmen zurück und artikulierte seine Sicht der Dinge vorwiegend in Briefen und Notizen, ehe er 1949 sein literarisches Comeback in der Bundesrepublik erlebte und 1951 den Georg-Büchner-Preis erhielt.

Klaus Manns linksliberal gefärbter Pazifismus und Humanismus, der sich im Exil zu einem kämpferischen Antifaschismus entwickelte, ließ sich mit Gottfried Benns elitärer Kunstauffassung und nihilistischem Weltbild nicht versöhnen. Klaus Mann sprach der Literatur eine politisch-aufklärerische Rolle zu, die Benn als Dichter auf den Spuren Nietzsches ablehnte. Benns Sichtweise war eher anthropologisch orientiert. Doch dies tat der menschlichen Hochschätzung des zwanzig Jahre Jüngeren durch Benn ebenso wenig Abbruch wie der literarischen Verehrung des Dichters ,,früh geliebter Zaubersprüche“ (Klaus Mann) durch den ältesten Sohn Thomas Manns.

Im Zentrum des Abends stand der offen vollzogene Bruch Gottfried Benns mit den literarischen Emigranten anno 1933, der ein kurzes Engagement Benns an der von den Nazis gleichgeschalteten Akademie der Künste in Berlin einläutete, sowie die unterschiedlichen Kunstauffassungen beider Schriftsteller, welche auch bei der anschließenden Diskussion durch die Gäste reflektiert wurden. Rolf Hochhuth verwies dabei auf Benns Nähe zu Oswald Spengler, demzufolge die Geschichte keine hegelianische Aufwärtsbewegung sei (Benn: ,,Die Geschichte verfährt nicht demokratisch.“). Weitere Wortmeldungen kreisten um die Bewertung von Benns ,,innerer Emigration“, der seit 1938 mit Schreibverbot belegt war und im Zweiten Weltkrieg als Arzt im Heer Verwendung fand. Klaus Manns früher Selbstmord 1949 und Benns Beitrag zu dessen Nachruf markierten abschließend die Verzweiflung des Idealisten Klaus Mann im Angesicht des heraufziehenden Ost-West-Konflikts und des fortgesetzten Kampfes der Ideologien. Dessen Tod nahm Benn zum Anlass, seinen Irrtum nach der nationalsozialistischen Machtübernahme einzugestehen, als er kurzzeitig hoffte, dass eine Versöhnung von Kunst und Macht, Dichtung und Gesellschaft möglich sei. Lebenslang blieb er bei der Ansicht, Kunst sei die ,,letzte metaphysische Tätigkeit“ des Menschen.

Der Abend war ein großer Erfolg und aufgrund der vielfältigen positiven Reaktionen des Publikums fühlt sich die Klaus Mann Initiative Berlin beflügelt, ihre weiteren Projekte anzugehen – alles im Zeichen des 110. Geburtstages Klaus Manns im Jahr 2016. Wir danken allen Teilnehmern und Gästen für die gelungene Veranstaltung und dem Literaturhaus Berlin für die erwiesene Gastfreundschaft!

Text: Florian Wolf-Roskosch

Erstes Arbeitstreffen zum Doppel-Projekt zu Klaus Manns Roman „Symphonie Pathétique“

Neben dem literarisch-musikalischen Abend am 17.03.2015 wird es am 14.04.2015 einen weiteren Lektüreabend geben. Das neue „Literarische Quartett“ tagte eine Stunde vor dem Neujahrsempfang unserer Initiative in der „Schwartzschen Villa“ in Steglitz. Das Zusammenspiel aus Bewährtem und Neuem zeigt sich auch personell: Florian Wolf-Roskosch (Vize) und Frank Träger (Vorsitzender) waren schon beim Lektüreabend zu Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ (Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße) und Klaus Manns „Treffpunkt im Unendlichen“ (Literaturhaus Lettrétage, Kreuzberg) mit von der Partie. Neu in der Runde sind Renata Koprivova und Markus Reiniger. Renata ist erst seit wenigen Monaten Mitglied. Die junge Pragerin hat ihre Magisterarbeit über Klaus Mann an der Karlsuniversität geschrieben. Markus ist ehemaliger Student am Peter Szondi-Institut der FU Berlin und einer der Gründer der Klaus Mann Initiative.

Die junge italienische Literaturwissenschaftlerin Valentina Savietto, die an den ersten beiden Lektüreabenden aktiv teilnahm, kann aus Termingründen leider nicht aus Verona anreisen. Aber sie hat der Initiative via Facebook zwei den Roman betreffende Arbeiten von sich geschickt. Zudem hat sie einen Vorschlag zur Schwerpunktsetzung geliefert, der vom Quartett einhellig befürwortet wurde.

(v. l.: Renata Koprivova, Florian Wolf-Roskosch, Frank Träger & Markus Reiniger)

(v. l.: Renata Koprivova, Florian Wolf-Roskosch, Frank Träger & Markus Reiniger)

Mal sehen, ob es uns gelingt, Steglitz und Zehlendorf zu erobern!