Umfrage: Klaus Mann – ein Vorbild?

Am Rande der Vernissage zur Exposition „Es ist also ein Mädchen“: Hommage an Erika und Klaus Mann am Schwulen Museum* Berlin Ende Oktober 2016 fragte mich ein Altvorderer des Museums, ob man denn eine Schule nach Klaus Mann benennen könne. Natürlich stand hinter der Frage – die keineswegs als flache Provokation gemeint war – das offenkundige Interesse des Fragenden, wie ich – in Personalunion Gymnasiallehrer und Gründer bzw. Vorsitzender der Klaus Mann Initiative Berlin e. V. – die konstruktiven und die destruktiven Aspekte in Leben und Werk von Klaus Mann denn gewichten würde. So verblüfft ich über die Frage war, so verblüfft bin ich noch heute über meine eigene unumwundene Antwort.

Ich bitte Sie hiermit um IHR Statement mit einer angemessenen Begründung:

  1. Taugt Klaus Mann zum Vorbild? Und:
  2. Ist es angemessen, eine Schule nach Klaus Mann zu benennen?

Meine Entgegnung mit einer ausführlichen Begründung habe ich in einem Aufsatz für die „ALG-Umschau“ (Nr. 56) veröffentlicht. Ich gehe davon aus, dass die wenigsten von Ihnen das Magazin gelesen haben. Aus einem Grund ist das sogar ganz gut so, da Sie nun ohne Beeinflussung urteilen können.

Ich würde mich sehr über Ihre Mitarbeit freuen! Mit der Teilnahme stimmen Sie einer Veröffentlichung Ihrer Meinung zu. Wenn Sie einer Veröffentlichung NICHT zustimmen, teilen Sie uns das bitte ausdrücklich mit. Gleiches gilt für einen möglichen Wunsch, das Statement anonym zu veröffentlichen.

Auf einen fruchtbaren Meinungsaustausch über
KLAUS-MANN-INITIATIVE-BERLIN@t-online.de.

Einsendeschluss ist der 23. Mai 2017.

Ihr Frank Träger
Vorsitzender

„Schön, dass Sie Klaus Mann Frischluft zufächeln!“

Ein Nachtrag in eigener Sache: Die KLAUS MANN INITIATIVE BERLIN e. V. wurde fast einstimmig zum Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e. V. (ALG) gewählt.

Die Location und der Zeitpunkt (und auch das Wetter) hätten besser nicht sein können. Die ALG führt ihre Jahrestagungen eigentlich in der Provinz durch. Zum 30. Geburtstag versammelten sich die Vertreter dann doch in der Hauptstadt. Weiterlesen

Nachlese: „Tristan“ als erotische Novelle

Literarisches Quartett v. l.: der Schriftsteller und Herausgeber Steffen Marciniak, der Gründer und Vorsitzende Frank Träger, die italienische Doktorandin Valentina Savietto und der Thomas Mann-Experte Dr. Tim Lörke (FU Berlin, Vorstandsmitglied der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft). Bild: Markus Reiniger

Nach der Einführung durch Valentina Savietto begründete Frank Träger seine Initiative zur Besprechung von Thomas Manns „Tristan“ mit der eigenen Biografie: Die Novelle habe unter seinen Kommilitonen während des Studiums in DDR-Zeiten eine bis heute geführte Debatte über das Selbstverständnis des „Intellektuellen“ in der ostdeutschen Gesellschaft, die eine zutiefst kleinbürgerliche gewesen sei, hervorgerufen. Die erneute Lektüre habe für ihn eine Überraschung gebracht: Seine Sicht auf Detlef Spinell und Anton Klöterjahn habe sich mittlerweile beinahe ins Gegenteil verkehrt. Im Übrigen sei er froh, ein Werk Thomas Manns zu besprechen, das ein Mal nicht vordergründig das Thema „Erotik“ bediene: „Wir haben hier vor zwei Jahren ‚Der Tod in Venedig‘ besprochen und auch in anderen Kontexten die Sexualität in Thomas Manns Leben und Werk thematisiert. Mir ist bei ‚Tristan‘ das Apollinische viel wichtiger als das Dionysische! Ich bin sehr leichtfertig davon ausgegangen, dass ‚Tristan‘ zur Abwechslung einmal dieses Thema nicht tangiert. Ich musste mich eines Besseren belehren lassen…“

Für den Literaturwissenschaftler Tim Lörke eine Steilvorlage: „Tristan“ sei eine „erotische Novelle“ ausgehend vom Eros der Handlungskonstellation in Wagners „Tristan und Isolde“.

Apropos Wagner: Die Veranstaltung wurde durch einen bemerkenswerten Beitrag bereichert. Der Klaus Mann Forscher Dr. Fredric Kroll, Gründungs- und Ehrenmitglied unserer Initiative, der es sehr bereute, nicht persönlich anwesend sein zu können, schickte einen musikalischen Gruß: Einen Mitschnitt der von ihm initiierten und mitgestalteten literarisch-musikalischen Collage an Klaus Manns Todestag 2014 in Freiburg im Breisgau. Fredric Kroll ist in Personalunion Komponist des Werkes: „Die Zuhörer in Freiburg waren zum Glück lauter Kenner, die meine Verschmelzung von Platen, Wagner und Tschaikowsky (und latent im Hintergrund Thomas Mann) in ihren Einzelheiten nachvollziehen konnten der Erfolg lässt sich buchstäblich hören! Allerdings konnte niemand wissen, dass die Musik der abschließenden Takte von mir selbst ist aus meiner noch unvollendeten zweiten Oper ‚Eine Nacht an der Newa‘ nach Dostojewskijs Novelle ‚Weiße Nächte‘.“ Der an dem Abend eingespielte Mitschnitt bot die Vertonung des Gedichtes „Tristan“ von August Graf von Platen. Es sang die Sopranistin Caroline Schori, begleitet vom Pianisten Neil Beardmore von der Musikhochschule Freiburg im Breisgau (Anmerkung: Der Titel ist im zweiten Teil des Mitschnitts aus urheberrechtlichen Gründen nicht enthalten).

August Graf von Platen: „Tristan“ (Aus „Tristan und Isolde“)

„Wer die Schönheit angeschaut mit Augen
Ist dem Tode schon anheimgegeben
Wird für keinen Dienst auf Erden taugen
Und doch wird er vor dem Tode beben
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen.

Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe
Denn ein Thor nur kann auf Erden hoffen
Zu genügen einem solchen Triebe.
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe.

[…]

Ach, er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen
Und den Tod aus jeder Blume riechen.
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen.“

Clou der Veranstaltung war die Übernahme von „Figurenpatenschaften“: Valentina Savietto war „Pate“ von Spinell, Frank Träger von Anton Klöterjahn und Steffen Marciniak von Gabriele Klöterjahn. Die wohl interessanteste „Patenschaft“ übernahm Tim Lörke die für den Erzähler, an dem sich alle anderen reiben konnten.

Natürlich war auch das Publikum gefordert: Inmitten der angeregten Diskussion des Quartetts warf Frank Träger den Ball in Gestalt einer Frage ins Publikum: „Wer sind denn nun wirklich ,die Guten‘?“ Einen unerwarteten Verlauf nahm der Abend, als Steffen Marciniak sich kurz vor dem geplanten Ende der Veranstaltung mit der Frage ans Publikum wandte: „Wer gewinnt? Was heißt hier ,gewinnen‘?“. Die etwas provokante Antwort eines Gastes in der „Nachspielzeit“ führte zu der drängenden Forderung einer anderen Teilnehmerin, den Abend nicht zu beenden, bevor man dies ausdiskutiert hätte. Aber hören Sie selbst:

Text: Frank Träger

Nachlese: Junge Poeten

Junge Poeten – Ich bin, also schreibe ich. Poesie als Nahrung

Eine Dichterlesung von Florian Wolf-Roskosch und Rico Kullik
am 17.02.2016 in der Lettrétage Kreuzberg:

 

Aus der Annotation: Wir leben in unsicheren Zeiten. Wer heutzutage Gedichte schreibt, gilt als Sonderling. Doch rufen nicht gerade die Krisen und Abgründe das Schreiben auf den Plan? Der Schriftsteller Klaus Mann verdichtete zeitlebens seine Hoffnungen und Träume in Romanen und Erzählungen. Breiten Raum nahmen dabei auch die Schattenseiten der Seele ein. Der Problematik von ,,Kunst und Leben“ wollen zwei junge Autoren, Florian Wolf-Roskosch und Rico Kullik, in ihren eigenen Dichtungen nachspüren.

„Ich bin, also schreibe ich. Poesie als Nahrung“ fragt nach der Notwendigkeit des Schreibens, nach dem nahezu körperlichen Bedürfnis nach Tagtraum, Flucht und Melancholie. Dabei könnte es sein, dass der Grundkonflikt zwischen Dionysos und Apollon in den Versen an die Oberfläche durchbricht…

Eine Veranstaltung der Klaus Mann Initiative Berlin e.V.
Wir sind Institutionelles Mitglied des Vereins Lettrétage e.V.

Nachlese: Im Strudel der Promiskuität II

Premiere: Zum ersten Mal führte die KMIB eine Veranstaltung in einer kirchlichen Einrichtung durch. Wir waren zu Gast beim „Gesprächskreis Homosexualität“ in der Evangelischen Advent-Zachäus-Kirchengemeinde (Danziger Straße 201/203, Prenzlauer Berg), und zwar mit dem fiktiven Gespräch „Im Strudel der Promiskuität“:
zu Gast beim Gesprächskreis
Bild: Peter Rausch

Nachlese: Im Strudel der Promiskuität

„Im Strudel der Promiskuität – ein fiktives Gespräch zwischen Thomas Mann und Klaus Mann in Sachen Homosexualität“ am 17.11.2015 in der Lettrétage Kreuzberg (die Location beherbergte übrigens bis 2013 das Schwule Museum Berlin).

Hier einige visuelle Eindrücke des Abends:



Der Nihilist und der Antifaschist

Ein Abend zum Verhältnis von Gottfried Benn und Klaus Mann vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus

Literaturhaus Berlin, 15.09.2015

Das Kaminzimmer des Literaturhauses Berlin platzte aus allen Nähten. Achtzig Gäste waren gekommen,um der Veranstaltung der Klaus Mann Initiative Berlin e.V. (KMI) beizuwohnen, die das spannungsreiche Verhältnis von Klaus Mann und Gottfried Benn vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus thematisierte. Im Publikum vertreten war auch die Gottfried Benn-Gesellschaft, deren Teilnahme der Klaus Mann Initiative Berlin ein großes Anliegen war.

Auf dem Podium vertreten waren Frank Träger, Lehrer für Politik und Ethik sowie Vorsitzender der KMI, Florian Wolf-Roskosch, Historiker und Vize der KMI, sowie Dr. Holger Hof, freier Autor und Verfasser der Biographie ,,Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis“ (2011). Während der folgenden zwei Stunden folgte eine tour d`horizon durch die Jahre 1930-50, welche die prägendsten für die gegenseitige Wahrnehmung der beiden Schriftsteller waren. Dabei lag ein Schwerpunkt auf ihren geschichts- und kunsttheoretischen Einstellungen, die stellvertretend für zwei unterschiedliche Wege von Intellektuellen stehen, ihre jeweilige Weltsicht im Angesicht von Faschismus und Krieg zu rechtfertigen. Dr. Hof wertete das Zerwürfnis als ,,Gesinnungsstreit“.

Die drei Diskutanten förderten Folgendes zutage: Gottfried Benn, Arzt und Dichter, und Klaus Mann, Schriftsteller und Exilant, bewahrten sich zeitlebens – trotz aller gegenseitigen Enttäuschungen und Anfeindungen – eine respektvolle Haltung füreinander. Ihre spürbare Sympathie konnte trotz ihrer weltanschaulichen Distanznahme während der NS-Diktatur nicht ausgelöscht werden. Während Klaus Mann im Ausland seine Positionen in Zeitschriften und Exil-Organen vertrat, zog sich Benn ab 1934 von öffentlichen Stellungnahmen zurück und artikulierte seine Sicht der Dinge vorwiegend in Briefen und Notizen, ehe er 1949 sein literarisches Comeback in der Bundesrepublik erlebte und 1951 den Georg-Büchner-Preis erhielt.

Klaus Manns linksliberal gefärbter Pazifismus und Humanismus, der sich im Exil zu einem kämpferischen Antifaschismus entwickelte, ließ sich mit Gottfried Benns elitärer Kunstauffassung und nihilistischem Weltbild nicht versöhnen. Klaus Mann sprach der Literatur eine politisch-aufklärerische Rolle zu, die Benn als Dichter auf den Spuren Nietzsches ablehnte. Benns Sichtweise war eher anthropologisch orientiert. Doch dies tat der menschlichen Hochschätzung des zwanzig Jahre Jüngeren durch Benn ebenso wenig Abbruch wie der literarischen Verehrung des Dichters ,,früh geliebter Zaubersprüche“ (Klaus Mann) durch den ältesten Sohn Thomas Manns.

Im Zentrum des Abends stand der offen vollzogene Bruch Gottfried Benns mit den literarischen Emigranten anno 1933, der ein kurzes Engagement Benns an der von den Nazis gleichgeschalteten Akademie der Künste in Berlin einläutete, sowie die unterschiedlichen Kunstauffassungen beider Schriftsteller, welche auch bei der anschließenden Diskussion durch die Gäste reflektiert wurden. Rolf Hochhuth verwies dabei auf Benns Nähe zu Oswald Spengler, demzufolge die Geschichte keine hegelianische Aufwärtsbewegung sei (Benn: ,,Die Geschichte verfährt nicht demokratisch.“). Weitere Wortmeldungen kreisten um die Bewertung von Benns ,,innerer Emigration“, der seit 1938 mit Schreibverbot belegt war und im Zweiten Weltkrieg als Arzt im Heer Verwendung fand. Klaus Manns früher Selbstmord 1949 und Benns Beitrag zu dessen Nachruf markierten abschließend die Verzweiflung des Idealisten Klaus Mann im Angesicht des heraufziehenden Ost-West-Konflikts und des fortgesetzten Kampfes der Ideologien. Dessen Tod nahm Benn zum Anlass, seinen Irrtum nach der nationalsozialistischen Machtübernahme einzugestehen, als er kurzzeitig hoffte, dass eine Versöhnung von Kunst und Macht, Dichtung und Gesellschaft möglich sei. Lebenslang blieb er bei der Ansicht, Kunst sei die ,,letzte metaphysische Tätigkeit“ des Menschen.

Der Abend war ein großer Erfolg und aufgrund der vielfältigen positiven Reaktionen des Publikums fühlt sich die Klaus Mann Initiative Berlin beflügelt, ihre weiteren Projekte anzugehen – alles im Zeichen des 110. Geburtstages Klaus Manns im Jahr 2016. Wir danken allen Teilnehmern und Gästen für die gelungene Veranstaltung und dem Literaturhaus Berlin für die erwiesene Gastfreundschaft!

Text: Florian Wolf-Roskosch

Erstes Arbeitstreffen zum Doppel-Projekt zu Klaus Manns Roman „Symphonie Pathétique“

Neben dem literarisch-musikalischen Abend am 17.03.2015 wird es am 14.04.2015 einen weiteren Lektüreabend geben. Das neue „Literarische Quartett“ tagte eine Stunde vor dem Neujahrsempfang unserer Initiative in der „Schwartzschen Villa“ in Steglitz. Das Zusammenspiel aus Bewährtem und Neuem zeigt sich auch personell: Florian Wolf-Roskosch (Vize) und Frank Träger (Vorsitzender) waren schon beim Lektüreabend zu Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ (Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße) und Klaus Manns „Treffpunkt im Unendlichen“ (Literaturhaus Lettrétage, Kreuzberg) mit von der Partie. Neu in der Runde sind Renata Koprivova und Markus Reiniger. Renata ist erst seit wenigen Monaten Mitglied. Die junge Pragerin hat ihre Magisterarbeit über Klaus Mann an der Karlsuniversität geschrieben. Markus ist ehemaliger Student am Peter Szondi-Institut der FU Berlin und einer der Gründer der Klaus Mann Initiative.

Die junge italienische Literaturwissenschaftlerin Valentina Savietto, die an den ersten beiden Lektüreabenden aktiv teilnahm, kann aus Termingründen leider nicht aus Verona anreisen. Aber sie hat der Initiative via Facebook zwei den Roman betreffende Arbeiten von sich geschickt. Zudem hat sie einen Vorschlag zur Schwerpunktsetzung geliefert, der vom Quartett einhellig befürwortet wurde.

(v. l.: Renata Koprivova, Florian Wolf-Roskosch, Frank Träger & Markus Reiniger)

(v. l.: Renata Koprivova, Florian Wolf-Roskosch, Frank Träger & Markus Reiniger)

Mal sehen, ob es uns gelingt, Steglitz und Zehlendorf zu erobern!

Lieber Fredric Kroll, alles erdenklich Gute zum 70. Geburtstag!

„Ich halte es für besser, erst einmal Großes zu entwerfen…“

von Frank Träger, Gründer der Klaus Mann Initiative Berlin e.V.

Eigentlich bin ich Fredric Kroll erst zweimal im Leben begegnet. Da dieses Zusammensein alles andere als flüchtiger Natur war, erlaube ich mir dennoch gleich zu Beginn ein Urteil: Fredric Kroll ist ein Segen für unsere Initiative. Und er ist es für unsere jüngere Generation. Eigentlich ist es ein Treppenwitz der Geschichte, eine ‚Ironie des Schicksals‘: Unsere junge Literaturgesellschaft hat ihre Wurzeln nicht im Universitären. Und das, was auch die schwulen Altachtundsechziger im Westen Berlins nicht auf die Reihe bekommen haben, blieb mir – einem des Bedarfs wegen aus der ostdeutschen Provinz nach Berlin versetzten Studienrats – und zwei meiner ehemaligen Schüler, Konstantin Rau und Markus Reiniger, überlassen: die erste Literaturgesellschaft zu Klaus Mann auf den Weg zu bringen. Die Vorurteile des etablierten Berliner Literaturbetriebes – und nicht nur des Berliners – waren immens: Unsere Initiative wurde teilweise wie ein „im Weinberg der Literaturwissenschaft wütender Eber“ behandelt. Ob da berechtigte Vorbehalte oder vorurteilsbeladene Standesdünkel eine Rolle spielten, sei dahin gestellt. Eines steht fest: Die Manns haben nicht für Literaturwissenschaftler geschrieben.

Was die Vorurteilsbeladenen betrifft: Fredric Kroll, der Nestor der Klaus-Mann-Forschung, gehörte und gehört jedenfalls nicht dazu! Noch bevor ich mich damals schriftlich an Fredric wenden konnte, erreichte mich seine Mail. Er hatte durch Detlef Grumbach von uns erfahren und sich daraufhin unsere Homepage angeschaut. Wohl gemerkt: ER hat sich an UNS gewandt!

Die Tatsache, dass Fredric Kroll ein Segen für uns ist, heißt nicht, dass es sich hier um ein harmonisches Verhältnis handelt. Es war und ist ein hartes Ringen um das Verständnis des anderen und um Maßstäbe.

Ein Beispiel: Mitten in den Vorbereitungen zur Aufführung seiner Oper „Der scharlachrote Buchstabe“ in Hamburg wandte sich Fredric Kroll an mich. Er mache sich Gedanken über die „Zeit nach der Oper“. Er wolle, so Kroll wörtlich, „nicht in Musik ertrinken“, sondern sich wieder mal „mit einer Prise Klaus Mann erfrischen“. Gegenstand seines Interesses war die Übersetzung bzw. Bearbeitung von Klaus Manns „letztem wirklich vollständigen dichterischen Text – The Chaplain“. Seine Arbeit wollte er exklusiv unserer KLAUS MANN INITIATIVE BERLIN zur Verfügung stellen, die mit der „Dramatischen Lesung“ eine hervorragende Möglichkeit hätte, den 108. Geburtstag des Autors würdig zu begehen. Nach dem erfolgreichen Abschluss seines Hamburger Opernprojektes forcierte er die Arbeit an der Übersetzung, der Ausarbeitung des Vortrages und der Lesung. Als alles fertig war, wandte er sich im Frühsommer 2014 damit und mit konkreten Vorstellungen über die Realisierung der „Dramatischen Lesung“ an unsere Initiative. Die Darstellungen Fredric Krolls lösten bei Vorstandsmitgliedern gemischte Gefühle aus. Neben Dankesbekundungen gab es auch ein eher vernichtendes Urteil eines älteren – mit Fredric bekannten – Vorstandsmitgliedes: Kroll würden Rosinen im Kopf wachsen, die Initiative wäre mit dem Projekt finanziell und organisatorisch überfordert. Die unmissverständliche Forderung an mich als Vorsitzenden lautete: „Sag‘ ihm ab!“

Was Fredric Kroll – mit dieser Auffassung konfrontiert – antwortete, könnte als das Cedo seines jahrzehntelangen Wirkens gelten: Er hielt sich nicht lange mit der Kritik an diesem an sich widersinnigen Bild auf (Rosinen sind getrocknete Weinbeeren und können gar nicht wachsen), sondern formulierte:

„Als ich 1969 über Klaus Mann promovieren wollte, hielten das meine Professoren in Rochester ebenfalls für eine Rosine. Hätte ich diese Rosine aus meinem Kopf gebannt, hättet Ihr mich nie kennengelernt, und die Klaus-Mann-Forschung hätte ohne mich auskommen müssen (was sie vermutlich auch geschafft hätte). In der heutigen Zeit eine Oper im Stil von Puccini zu komponieren, galt bis vor Kurzem ebenfalls als Rosine. Und warum nicht auch gleich Rosinenbrötchen? Ich halte es für besser, erst einmal Großes zu entwerfen und es nach und nach den Notwendigkeiten anzupassen, als sich von vornherein unnötiger Weise einzuschränken und weniger zu erreichen, als vielleicht doch noch machbar gewesen wäre. Das erst einmal grundsätzlich“ (Fredric Kroll an Frank Träger, 26.06.2014).

Als Außenstehender dürfte man ehrfürchtig erstaunen, wenn man diese „Agenda“ liest. Anders verhält es sich, wenn man – wie ich – in die Rolle seines Mitstreiters gerät. Da kann der Grundsatz „erst einmal Großes zu entwerfen“ auch schon mal zur schweren Belastung werden. Um am Beispiel „The Chaplain“ zu bleiben:

Fredric Krolls Vorstellungen über die Ideal-Besetzung der Rollen ging sehr stringent „vom Entwurf des Großen“ aus. Dies völlig losgelöst von „profanen“ Erwägungen, allen voran den Kosten. Entsprechend wuchs sich der Streit in dieser Sachfrage zu einem ernsthaften Beziehungskonflikt aus.

Es gehört zur Größe Fredric Krolls, dass er weiß, wann Schluss ist. Inmitten der Krise rief er mich an und alles konnte binnen kurzer Zeit auf ein handhabbares Level gebracht werden. Die Rollen wurden neben Fredric von Mitgliedern unserer Initiative gelesen. Der Vortrag und die „Dramatische Lesung“ in der Berlin-Friedenauer Buchhandlung „Der Zauberberg“ an Klaus Manns 108. Geburtstag waren dann auch ein Riesenerfolg. Abgesehen davon: Die im Kompromiss gefundene Lösung erlaubte es Fredric, zu einem wirklichen Miteinander mit der Berliner Initiative zu gelangen.

Vor allem mit der Jugend! Ich muss etwas aushohlen: Es gehört zum Credo unserer Initiative, dass wir Klaus Mann beim Wort nehmen. Unsere Intention: Wir lesen seine Werke und bringen sie unter die Leute. Vorbild waren und sind die Lektüreabende des fast zeitgleich in der Stadt gegründeten Thomas-Mann-Kreises Berlin. Der Haken: Von Anfang an zeichnete sich ab, dass sich selbst im Klaus-Krolli und FloMann-Lager nur wenige finden, die Klaus Mann wirklich im Vorfeld lesen und sich in einer Gemeinschaft darüber austauschen würden. Ein Lektüreabend zu einem Roman Klaus Manns? Ein gewagtes Unternehmen! Es bestand die reale Gefahr, dass der Abend in Peinlichkeit enden würde, wenn er überhaupt zustande käme. Der Einfall: Zu Beginn der Veranstaltung stimmt eine Art „Literarisches Quartett“ auf den Abend ein, setzt den Schwerpunkt und legt die Grundlage für eine Diskussion. Und für den Fall der Unbelesenheit des Publikums gibt es einen „Plan B“: die Weiterführung des „Quartetts“. Reich-Ranicki & Co. kamen doch auch ohne Beteiligung des Publikums aus. Allerdings war ein Gast von Anfang an gesetzt: Dr. Fredric Kroll, der deutsch-amerikanische Komponist und Nestor der Klaus-Mann-Forschung!

Dem Aufruf, ein zu behandelndes Werk zu benennen, folgte ausschließlich die jüngere Generation. „Treffpunkt im Unendlichen“ wurde schnell zum gemeinsamen Nenner. Die passende „Bühne“ fanden wir in Kreuzberg am historischen Ort: das junge Literaturhaus „Lettrétage“ in den ehemaligen Räumen des Schwulen Museums Berlin. Die Vorbereitungen machten richtig Spaß, obwohl es nur selten möglich war, alle vier Akteure an einen Tisch zu bekommen. Dies galt vor allem für die junge italienische Doktorandin Valentina Savietto aus Verona. „Verhandelt“ wurde zumeist per Facebook oder per E-Mail. Und die Erwartungen? In Bezug auf das Publikum gar keine! So konnten wir nicht enttäuscht werden. Aber wie würde sich der „Nestor“ verhalten? Würde er den Verhaltensmustern eines „alten Sackes“ folgen und – einmal das Wort an sich gerissen – davon nicht mehr loslassen? Würde er sich in Ignoranz üben oder sich in Rechthaberei und Arroganz ergießen?

Fredrics Auftreten war grandios. Bevor er das Wort ergriff, drehte er seinen Stuhl um 90°, damit er die ganze Szenerie im Blick hatte. Und diese ihn. Was er in ruhiger Rede sagte, hatte Gewicht. Und: Er fasste sich kurz, um anderen nicht den Raum zu nehmen. Die ganze Zeit hörte er wie gebannt zu und gab uns – sichtlich gerührt – zum Abschluss ein Feedback: „Ich bin sehr dankbar, denn ich habe heute Abend viele neue Sichtweisen auf den Text erfahren.“ Es klang nicht wie eine Höflichkeitsfloskel.

Und so urteilen unsere jugendlichen Mitglied  er. Stellvertretend drei Stimmen:

Markus Reiniger (25), Student Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: „Fredric Kroll saß in der Lettrétage gewissermaßen zwischen den Stühlen: Er war ein Akteur, obwohl er augenscheinlich zum Publikum gehörte. Seine Anwesenheit und seine Expertise bereicherten den Abend ungemein!“

Konstantin Rau (24), Student an der Freien Universität Berlin: „Es war schlichtweg großartig mitzuerleben, wie Fredric Kroll in der Materie Klaus Mann aufgehen kann. Er vermag es, sein unfassbares biografisches, literarisches und historisches Wissen derart humorvoll aus dem Hut zu zaubern, dass man meinen könnte, er sei selbst dabei gewesen.“

Last, but not least unser Jüngster: Eric Weigert (24), Student an der Humboldt-Universität Berlin: „Neben seiner außerordentlichen Fachkompetenz, beeindruckte mich, als jüngstes Mitglied der Klaus Mann Initiative, seine Vitalität, sein jung gebliebener Geist, seine große Leidenschaft für die Literatur.“

Anmerkung: Der Text wurde exklusiv für den Band „Treffpunkt im Unendlichen. Fredric Kroll – ein Leben für Klaus Mann“ (Verlag Männerschwarm Hamburg, 2015; Siehe unten!) geschrieben. Um die Aufnahme des Textes in den Band entbrannte ein Streit zwischen dem Autor Frank Träger und dem Herausgeber Detlef Grumbach, der nicht beigelegt werden konnte. Unabhängig davon sei der Erwerb des Bandes an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen!

3 Tage, 4 Veranstaltungen & 100 Gäste

Unser kleiner Klaus-Mann-Veranstaltungsmarathon, der uns in den vergangenen Tagen in das Schloss Grochwitz, das Romanische Café und die Lettrétage geführt hat, ist heute Abend im Zauberberg zu Ende gegangen. Wir möchten uns bei allen Akteuren und Besuchern herzlich bedanken und verabschieden uns mit ein paar visuellen Eindrücken von den verschiedenen Veranstaltungsorten und natürlich mit einem Erfahrungsbericht vom großen Finale.

TAG 1. Die Martinée zu KLAUS MANNS BERLIN im Schloss Grochwitz (Herzberg). Den Vortrag hielten Konstantin Rau (l.) und Frank Träger.

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TAG 2. Ein Bild von unserer Jahreshauptversammlung im Romanischen Café des Hotels Waldorf Astoria in Berlin. Links (von vorne nach hinten): Eric Weigert (Vize), Florian Wolf-Roskosch (Neuwahl Vize), Valentina Savietto (Beirat); rechts: Stefan M. Weber (Beirat), Dagmar Schwindt, Dr. Fredric Kroll (Ehrenmitglied, Nestor der Klaus-Mann-Forschung), Frank Träger (Vorsitzender), Konstantin Rau (Vize) und Markus Reiniger (Admin).

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TAG 2 (etwas später). Das „Literarische Quartett“ beim Lektüreabend in der Lettrétage zu Klaus Manns Roman „Treffpunkt im Unendlichen“; v. l.: Frank Träger, Valentina Savietto, Eric Weigert und Florian Wolf-Roskosch.

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TAG 3. Im Vorfeld gab es Zweifel, ob die Lesung „Der Kaplan“ in der literarischen Buchhandlung „Der Zauberberg“ vom Publikum angenommen wird. Und es gab Zweifel, ob die Länge des Vortrages (1 Stunde) und der Dramatischen Lesung (20 Minuten) angemessen sind. Als der Vorsitzende Frank Träger gegen 18 Uhr zu letzten Absprachen im „Zauberberg“ eintraf, schockierte ihn der Mitarbeiter Harald Loch mit der Zahl der Anmeldungen: Null! Und die 13 Facebook-Anmeldungen galten als extrem unsicher. Als Träger – selbst Akteur – kurz vor 20 Uhr erneut zum Veranstaltungsort zurückkehrte, hatte er Mühe, noch einen Platz zu bekommen – so gut gefüllt war die Buchhandlung. Selbst nach 20 Uhr trafen noch Gäste ein.

IMG_0835Der Vortrag von Dr. Fredric Kroll über die Umstände der Mitarbeit Klaus Manns an Roberto Rossellinis Episodenfilm „Paisà“ (1946) wurde vom Auditorium jedenfalls mit großer Konzentration aufgenomIMG_0846men. Die nachfolgende Dramatische Lesung „Der Kaplan“ – der Text wurde von Fredric Kroll exklusiv für diesen Abend übersetzt – rührte das Publikum und wurde ein unglaublicher Erfolg. Vor allem der Akzent der italienischen Doktorandin Valentina Savietto und des in New York geborenen Fredric Kroll gaben dem Ganzen – bei aller Tragik des Inhalts – einen kosmopolitischen Glanz: Es gab ein wohlwollendes Raunen im Publikum, als Valentina Savietto die ersten Worte von Ernestos Mutter Signora Silotti sprach. Konstantin Rau und Frank Träger erhielten im Anschluss mehrmals das Feedback: „Das hätten wir euch gar nicht zugetraut.“ Ein begeisterter und lang anhaltender Beifall war der Lohn.
Beim anschließenden Empfang herrschte eine ausgelassene und heitere Stimmung wie selten zuvor. Und die Akteure der Klaus Mann Initiative Berlin waren stolz und erleichtert über den erfolgreichen Abschluss des dreitägigen Veranstaltungsmarathons. Ein schönes Geschenk zu Klaus Manns 108. Geburtstag!