Nachlese: „Tristan“ als erotische Novelle

Literarisches Quartett v. l.: der Schriftsteller und Herausgeber Steffen Marciniak, der Gründer und Vorsitzende Frank Träger, die italienische Doktorandin Valentina Savietto und der Thomas Mann-Experte Dr. Tim Lörke (FU Berlin, Vorstandsmitglied der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft). Bild: Markus Reiniger

Nach der Einführung durch Valentina Savietto begründete Frank Träger seine Initiative zur Besprechung von Thomas Manns „Tristan“ mit der eigenen Biografie: Die Novelle habe unter seinen Kommilitonen während des Studiums in DDR-Zeiten eine bis heute geführte Debatte über das Selbstverständnis des „Intellektuellen“ in der ostdeutschen Gesellschaft, die eine zutiefst kleinbürgerliche gewesen sei, hervorgerufen. Die erneute Lektüre habe für ihn eine Überraschung gebracht: Seine Sicht auf Detlef Spinell und Anton Klöterjahn habe sich mittlerweile beinahe ins Gegenteil verkehrt. Im Übrigen sei er froh, ein Werk Thomas Manns zu besprechen, das ein Mal nicht vordergründig das Thema „Erotik“ bediene: „Wir haben hier vor zwei Jahren ‚Der Tod in Venedig‘ besprochen und auch in anderen Kontexten die Sexualität in Thomas Manns Leben und Werk thematisiert. Mir ist bei ‚Tristan‘ das Apollinische viel wichtiger als das Dionysische! Ich bin sehr leichtfertig davon ausgegangen, dass ‚Tristan‘ zur Abwechslung einmal dieses Thema nicht tangiert. Ich musste mich eines Besseren belehren lassen…“

Für den Literaturwissenschaftler Tim Lörke eine Steilvorlage: „Tristan“ sei eine „erotische Novelle“ ausgehend vom Eros der Handlungskonstellation in Wagners „Tristan und Isolde“.

Apropos Wagner: Die Veranstaltung wurde durch einen bemerkenswerten Beitrag bereichert. Der Klaus Mann Forscher Dr. Fredric Kroll, Gründungs- und Ehrenmitglied unserer Initiative, der es sehr bereute, nicht persönlich anwesend sein zu können, schickte einen musikalischen Gruß: Einen Mitschnitt der von ihm initiierten und mitgestalteten literarisch-musikalischen Collage an Klaus Manns Todestag 2014 in Freiburg im Breisgau. Fredric Kroll ist in Personalunion Komponist des Werkes: „Die Zuhörer in Freiburg waren zum Glück lauter Kenner, die meine Verschmelzung von Platen, Wagner und Tschaikowsky (und latent im Hintergrund Thomas Mann) in ihren Einzelheiten nachvollziehen konnten der Erfolg lässt sich buchstäblich hören! Allerdings konnte niemand wissen, dass die Musik der abschließenden Takte von mir selbst ist aus meiner noch unvollendeten zweiten Oper ‚Eine Nacht an der Newa‘ nach Dostojewskijs Novelle ‚Weiße Nächte‘.“ Der an dem Abend eingespielte Mitschnitt bot die Vertonung des Gedichtes „Tristan“ von August Graf von Platen. Es sang die Sopranistin Caroline Schori, begleitet vom Pianisten Neil Beardmore von der Musikhochschule Freiburg im Breisgau (Anmerkung: Der Titel ist im zweiten Teil des Mitschnitts aus urheberrechtlichen Gründen nicht enthalten).

August Graf von Platen: „Tristan“ (Aus „Tristan und Isolde“)

„Wer die Schönheit angeschaut mit Augen
Ist dem Tode schon anheimgegeben
Wird für keinen Dienst auf Erden taugen
Und doch wird er vor dem Tode beben
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen.

Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe
Denn ein Thor nur kann auf Erden hoffen
Zu genügen einem solchen Triebe.
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe.

[…]

Ach, er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen
Und den Tod aus jeder Blume riechen.
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen.“

Clou der Veranstaltung war die Übernahme von „Figurenpatenschaften“: Valentina Savietto war „Pate“ von Spinell, Frank Träger von Anton Klöterjahn und Steffen Marciniak von Gabriele Klöterjahn. Die wohl interessanteste „Patenschaft“ übernahm Tim Lörke die für den Erzähler, an dem sich alle anderen reiben konnten.

Natürlich war auch das Publikum gefordert: Inmitten der angeregten Diskussion des Quartetts warf Frank Träger den Ball in Gestalt einer Frage ins Publikum: „Wer sind denn nun wirklich ,die Guten‘?“ Einen unerwarteten Verlauf nahm der Abend, als Steffen Marciniak sich kurz vor dem geplanten Ende der Veranstaltung mit der Frage ans Publikum wandte: „Wer gewinnt? Was heißt hier ,gewinnen‘?“. Die etwas provokante Antwort eines Gastes in der „Nachspielzeit“ führte zu der drängenden Forderung einer anderen Teilnehmerin, den Abend nicht zu beenden, bevor man dies ausdiskutiert hätte. Aber hören Sie selbst:

Text: Frank Träger

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