Der Nihilist und der Antifaschist

Ein Abend zum Verhältnis von Gottfried Benn und Klaus Mann vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus

Literaturhaus Berlin, 15.09.2015

Das Kaminzimmer des Literaturhauses Berlin platzte aus allen Nähten. Achtzig Gäste waren gekommen,um der Veranstaltung der Klaus Mann Initiative Berlin e.V. (KMI) beizuwohnen, die das spannungsreiche Verhältnis von Klaus Mann und Gottfried Benn vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus thematisierte. Im Publikum vertreten war auch die Gottfried Benn-Gesellschaft, deren Teilnahme der Klaus Mann Initiative Berlin ein großes Anliegen war.

Auf dem Podium vertreten waren Frank Träger, Lehrer für Politik und Ethik sowie Vorsitzender der KMI, Florian Wolf-Roskosch, Historiker und Vize der KMI, sowie Dr. Holger Hof, freier Autor und Verfasser der Biographie ,,Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis“ (2011). Während der folgenden zwei Stunden folgte eine tour d`horizon durch die Jahre 1930-50, welche die prägendsten für die gegenseitige Wahrnehmung der beiden Schriftsteller waren. Dabei lag ein Schwerpunkt auf ihren geschichts- und kunsttheoretischen Einstellungen, die stellvertretend für zwei unterschiedliche Wege von Intellektuellen stehen, ihre jeweilige Weltsicht im Angesicht von Faschismus und Krieg zu rechtfertigen. Dr. Hof wertete das Zerwürfnis als ,,Gesinnungsstreit“.

Die drei Diskutanten förderten Folgendes zutage: Gottfried Benn, Arzt und Dichter, und Klaus Mann, Schriftsteller und Exilant, bewahrten sich zeitlebens – trotz aller gegenseitigen Enttäuschungen und Anfeindungen – eine respektvolle Haltung füreinander. Ihre spürbare Sympathie konnte trotz ihrer weltanschaulichen Distanznahme während der NS-Diktatur nicht ausgelöscht werden. Während Klaus Mann im Ausland seine Positionen in Zeitschriften und Exil-Organen vertrat, zog sich Benn ab 1934 von öffentlichen Stellungnahmen zurück und artikulierte seine Sicht der Dinge vorwiegend in Briefen und Notizen, ehe er 1949 sein literarisches Comeback in der Bundesrepublik erlebte und 1951 den Georg-Büchner-Preis erhielt.

Klaus Manns linksliberal gefärbter Pazifismus und Humanismus, der sich im Exil zu einem kämpferischen Antifaschismus entwickelte, ließ sich mit Gottfried Benns elitärer Kunstauffassung und nihilistischem Weltbild nicht versöhnen. Klaus Mann sprach der Literatur eine politisch-aufklärerische Rolle zu, die Benn als Dichter auf den Spuren Nietzsches ablehnte. Benns Sichtweise war eher anthropologisch orientiert. Doch dies tat der menschlichen Hochschätzung des zwanzig Jahre Jüngeren durch Benn ebenso wenig Abbruch wie der literarischen Verehrung des Dichters ,,früh geliebter Zaubersprüche“ (Klaus Mann) durch den ältesten Sohn Thomas Manns.

Im Zentrum des Abends stand der offen vollzogene Bruch Gottfried Benns mit den literarischen Emigranten anno 1933, der ein kurzes Engagement Benns an der von den Nazis gleichgeschalteten Akademie der Künste in Berlin einläutete, sowie die unterschiedlichen Kunstauffassungen beider Schriftsteller, welche auch bei der anschließenden Diskussion durch die Gäste reflektiert wurden. Rolf Hochhuth verwies dabei auf Benns Nähe zu Oswald Spengler, demzufolge die Geschichte keine hegelianische Aufwärtsbewegung sei (Benn: ,,Die Geschichte verfährt nicht demokratisch.“). Weitere Wortmeldungen kreisten um die Bewertung von Benns ,,innerer Emigration“, der seit 1938 mit Schreibverbot belegt war und im Zweiten Weltkrieg als Arzt im Heer Verwendung fand. Klaus Manns früher Selbstmord 1949 und Benns Beitrag zu dessen Nachruf markierten abschließend die Verzweiflung des Idealisten Klaus Mann im Angesicht des heraufziehenden Ost-West-Konflikts und des fortgesetzten Kampfes der Ideologien. Dessen Tod nahm Benn zum Anlass, seinen Irrtum nach der nationalsozialistischen Machtübernahme einzugestehen, als er kurzzeitig hoffte, dass eine Versöhnung von Kunst und Macht, Dichtung und Gesellschaft möglich sei. Lebenslang blieb er bei der Ansicht, Kunst sei die ,,letzte metaphysische Tätigkeit“ des Menschen.

Der Abend war ein großer Erfolg und aufgrund der vielfältigen positiven Reaktionen des Publikums fühlt sich die Klaus Mann Initiative Berlin beflügelt, ihre weiteren Projekte anzugehen – alles im Zeichen des 110. Geburtstages Klaus Manns im Jahr 2016. Wir danken allen Teilnehmern und Gästen für die gelungene Veranstaltung und dem Literaturhaus Berlin für die erwiesene Gastfreundschaft!

Text: Florian Wolf-Roskosch

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