„Was gebe ich von mir preis?“

Der erste Lektüreabend der Klaus Mann Initiative warf existentielle Fragen auf

Es  erscheint grotesk, wenn im Literaturhaus der deutschen Hauptstadt Vertreter von Erster Lektüreabend Bild 1gleich zwei Literaturgesellschaften darüber streiten, ob der Mittagsschlaf des im Fokus stehenden Autors eher der dionysischen oder der apollinischen Lebensart zuzuordnen sei.  Und genauso grotesk erscheint es, in diesem Ambiente eine Novelle zu besprechen, die von einem vorzeitig alternden Schriftsteller handelt, der sich während einer Urlaubsreise in einen zuckersüßen 14-jährigen Teenager verknallt, sich darüber ohne Sinn und Verstand einer tödlichen Gefahr aussetzt, der er mühelos hätte entkommen können, und folgerichtig daran zu Grunde geht.

Grotesk?  Wie gesagt – es erscheint nur so.

Denn dass es Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ ein Jahrhundert nach seinem Erscheinen vermag, deutsche Feuilletonseiten zu füllen und Theateraufführungen, Ausstellungen und Kongresse zu initiieren, muss einen Grund haben. Ganz offensichtlich den, dass das Werk die elementarste Wirkung zeigt, die Kunst überhaupt erzielen kann: Menschen finden sich in ihr wieder.

Das mit der Vorbereitung befasste „Literarische Quartett“ hatte es sich von Anfang an zum Ziel gesetzt, den Lektüreabend nicht auf das Räsonieren über Formfragen zu beschränken, sondern das Anliegen des Werkes in den Mittelpunkt zu stellen: Der Mensch im Spannungsfeld von Dionysos und Apollon – ein existentielles Problem. Das erlesene Auditorium, eine gute Mischung aus reiferen und jugendlichen Lesern, aus bekannten und neuen Gesichtern. Erstere, sonst sehr diskutierfreudig, taten sich anfänglich schwer, in die Diskussion einzusteigen.

Erster Lektüreabend Bild 2Das mag einerseits an dem für einen Lektüreabend eher ungewöhnlichen Einstieg mit einem „Literarischen Quartett“ gelegen haben. Die wirkliche Ursache für die anfängliche Scheu war wohl eine ganz andere: Während man bei ähnlichen Gelegenheiten vergnüglich über Stilmittel, antizipierende Momente, sprachliche Raffinessen räsonieren und sich – angesichts der eigenen Belesenheit – so ganz nebenbei in der Kunst der Selbstdarstellung üben kann, musste an diesem Abend jeder Einzelne, bevor er sich zu diesem Thema äußerte, zunächst – ganz für sich – eine entscheidende Frage klären:

WAS GEBE ICH VON MIR PREIS?

Vor einiger Zeit forderte einer unserer studentischen Gründungsmitglieder, dass die Arbeit der Klaus Mann Initiative Berlin nicht im Organisatorischen und im folgenlosen Räsonieren stecken bleiben dürfe: Wenn es die Zeit hergibt, wird einer der Akteure einen Bericht über die an diesem spannungsgeladenen Abend gewonnenen Erkenntnisse erstellen und an dieser Stelle veröffentlichen.

Erster Lektüreabend Bild 3

Die Akteure v.l.n.r.: Konstantin Rau (Student, Vizevorsitzender), Frank Träger (Lehrer, Vorsitzender), Florian Wolf-Roskosch (Promotions-student), Valentina Savietto (italienische Doktorandin, Vorstands-mitglied) und als Gast Dr. Tim Lörke (Literaturwissenschaftler, Vorstand Deutsche Thomas Mann Gesell-schaft)

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